Krisendiplomat Martin Kobler im Gespräch
Ägypten, Irak, Afghanistan, Kongo, Libyen, Russland/Ukraine, Pakistan … und Nahost
Beeindruckend liest sich die lange Liste der Krisenländer, in denen Martin Kobler als Diplomat tätig war. Sein letzter Posten war der des Botschafters in Islamabad/Pakistan (2017-2019).
Wir hatten Herrn Kobler in den Zusatzkurs Geschichte deutscher Außenpolitik eingeladen, weil wir uns seit einiger Zeit intensiv mit der Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen beschäftigen. Ein vollständiges Bild ergibt sich jedoch nur, wenn man sich auch der zweiten Seite, den Palästinensern, zuwendet.
Ab 1993 wurde unter norwegischer Vermittlung eine Reihe von Abkommen zwischen der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und Israel geschlossen, die unter dem Begriff Oslo-Friedensprozess zusammengefasst werden. Das Bild vom PLO-Führer Jassir Arafat und dem israelischen Premierminister Yitzak Rabin, die sich im Beisein des US-Präsidenten Bill Clinton die Hände schütteln, steht ikonisch für die Entwicklung des Friedensprozesses.
Mit dem Gaza-Jericho-Abkommen kam die Stadt Jericho unter palästinensische Kontrolle und wurde ab 1994 Sitz der Palästinensischen Autonomiebehörde, heute in Ramallah ansässig. Im selben Jahr eröffnete Deutschland in Jericho ein Vertretungsbüro. Es handelte sich um eine Quasi-Botschaft, die aber nicht so heißen durfte, weil diese Bezeichnung die Anerkennung eines Staates Palästina impliziert hätte. Unter diesen politisch sensiblen Bedingungen oblag Martin Kobler die Aufgabe, die deutschen Beziehungen mit der palästinensischen Autonomiebehörde zu entwickeln und zu pflegen.
Das Gespräch mit Herrn Kobler bot vielfältige Einblicke in die diplomatische Arbeit im Kontext des Nahostkonflikts sowie in seine Interpretation der deutschen Staatsräson. Besonders hervorzuheben ist seine Auffassung, dass Deutschland eine besondere Verantwortung gegenüber Israel trage, deren Rahmen jedoch stets das Grundgesetz bilde. Ebenso beeindruckend waren seine Schilderungen aus dem Alltag eines Diplomaten im Krisengebiet und sein Bestreben, seinen Kindern beide Seiten des Konflikts zugänglich zu machen – trotz der damit verbundenen Herausforderungen und Gefahren.
Seine Darstellung der Friedensprozesse verdeutlichte, dass deren Erfolg maßgeblich von einzelnen Akteuren abhängt. Die Analogie des „Schwarzen Schwans“ veranschaulichte eindrücklich, wie unerwartete Ereignisse politische Entwicklungen grundlegend verändern können, während der „weiße Schwan“ den seltenen, aber möglichen positiven Wendepunkt beschreibt. Überraschend war für die Zuhörer zudem die Feststellung, dass es historisch keine Fälle gebe, in denen zwei demokratische Staaten einander angegriffen haben.
Von zentraler Bedeutung scheint Koblers Konzept der „strategischen Empathie“, das das Verstehen der jeweiligen Motivationslagen als Grundlage für Kompromisse betont. Insgesamt vermittelte Herr Kobler eine ausgewogene Mischung aus Realismus und Optimismus und unterstrich die Verantwortung junger Menschen, sich politisch einzubringen und aktiv zur Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse beizutragen. Seine abschließende Anregung: „Studieren Sie irgendetwas und bewerben Sie sich für den Auswärtigen Dienst.“
Das Gespräch mit Herrn Kobler, kenntnisreich moderiert von Leonard Michel (12. Jg.), empfanden die Zuhörer unisono als überaus interessant und anregend. Eine Reihe von Zitaten, von Schülerinnen und Schülern notiert, verdeutlicht den nachhaltigen Eindruck, den unser Gast hinterlassen hat.
FB Geschichte/Politikwissenschaft

