"Plötzlich hieß ich Sara"

Ruth Winkelmann, geb. Jacks, ist eine Zeitzeugin des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges. Im Februar besuchte sie unsere Schule, um uns aus ihrem Leben zu erzählen. Ich hatte das Glück, bei diesem Gespräch dabei sein zu dürfen.

Frau Winkelmann, geboren 1928, berichtete von ihrer Jugend und davon, wie es war, in dieser Zeit als Jüdin zu leben. Besonders bewegend fand ich, dass sie auch von ihrer eigenen Familie sprach, in der es Anhänger des Nazi-Regimes gab. Das hing damit zusammen, dass eine Familienlinie jüdisch war, die andere jedoch protestantisch.

Unsere Zeitzeugin erklärte aber, dass, wann immer sie die Familie ihres Cousins besuchte, sie letztlich alle Menschen waren. Die Familie habe alle politischen Unterschiede beiseitegelegt, sie seien nur sie selbst gewesen. Dass dies möglich war, überraschte mich. Frau Winkelmann erzählte auch von Freunden, die ihr geholfen und sie unterstützt haben.

Mut, Geduld und Tapferkeit

Besonders in Erinnerung geblieben sind mir Frau Winkelmanns Mut, ihre Geduld und Tapferkeit, mit denen sie als junges Mädchen diese schwere Zeit überstanden hat. Sie war beispielsweise oft ohne den gelben Judenstern unterwegs, obwohl das sehr gefährlich war und man sich keinesfalls erwischen lassen durfte (*siehe Anmerkung am Textende).

Die psychischen Folgen dieser Zeit haben sie lange begleitet. Sie erzählte sogar, dass sie lange Zeit nicht einmal mit ihrem eigenen Mann über viele ihrer Erlebnisse sprechen konnte.

Zum Ende des Gesprächs erklärte unsere Zeitzeugin uns auch, wie es dazu kam, dass sie heute Schulen besucht und ihre Geschichte erzählt, und warum sie das tut. Junge Menschen sollen verstehen, was im Nationalsozialismus passiert ist und aus den Erfahrungen der Menschen lernen, damit so ein Unrecht und Verbrechen nie wieder geschieht.

Für mich war dieses Gespräch sehr berührend. Wenn man die Möglichkeit hat, einem Zeitzeugen zuzuhören, sollte man sie unbedingt nutzen. Es ist etwas ganz anderes, Geschichte direkt von einem Menschen zu hören, der sie selbst erlebt hat.

Maja S. (11. Jg.)
Fotos: Luna T. (12. Jg.)

 

Wer nicht dabei sein konnte, darf ganz besonders gespannt sein auf die Video-Dokumentation des Gesprächs.

Das Buchcover zeigt die Biografie von Ruth Winkelmann, basierend auf Gesprächen, zusammengestellt von Claudia Johanna Bauer, 2025 in der 5. Auflage im Jaron-Verlag Berlin erschienen. (BK)

*Anmerkung: Nachdem die Registrierungspflicht für die jüdische Bevölkerung galt, musste man immer mit Ausweiskontrollen rechnen. Ein gestempeltes „J“ im Ausweis bedeutete mit hoher Wahrscheinlichkeit Inhaftierung. Die Verpflichtung zum Tragen des „Gelben Sterns“ wurde durch Polizeiverordnung am 1. September 1941 eingeführt.