Justizterror

Dem Terror ausgesetzt während der Diktaturen des 20. Jahrhunderts

Für die Geschichtskurse von Frau Bader und Frau Dr. Kassel stand im Dezember eine Exkursion passend zum thematischen Schwerpunkt des 3. Semesters auf dem Programm. Der Nationalsozialismus war unser Thema, das auch für die Exkursion im Mittelpunkt stehen sollte. Berlin als ehemalige Reichshauptstadt hat keinen Mangel an besuchswürdigen Orten. Topographie des Terrors? Das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen? Das Haus der Wannseekonferenz? Sicher wichtige Orte, aber warum nicht einmal ein weniger bekanntes Ziel ansteuern? Für uns hieß es nun: Früh aufstehen, der Weg nach Potsdam dauert, wir wollen in die Lindenstraße.

Die Potsdamer Lindenstraße 54/55 hat eine wechselvolle Geschichte. Das „Große Holländische Haus“, erbaut von Friedrich Wilhelm I., war einmal barockes Stadtpalais, wurde Wohnsitz eines Reformpädagogen, bevor es zu Beginn des 19. Jahrhunderts die erste freigewählte Stadtverordnetenversammlung beherbergte. Einmal in öffentlicher Nutzung wandelte sich das Gebäude zum Ort der Justiz mit Gerichtsgebäude und Gefängnis. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Gefängnistrakt erneuert. In den Zellen saßen zunächst zu mehr oder weniger kurzen Haftstrafen verurteilte Straftäter. Mit der Machtübernahme der NSDAP wurde das Gefängnis jedoch zum Ort einer ideologisierten Strafjustiz – und blieb es bis zum Ende der DDR.

Wir erlebten den Gefängniskomplex als ziemlich verwirrend. Zwar erhielten wir für die Orientierung einen Gebäudeplan, der uns bei der unabhängigen Orientierung helfen sollte. Wir merkten aber schnell, wie leicht man sich verirren kann in den langen Gängen mit vielen Treppen zwischen den Etagen.

Der Plan verweist auf die Ausstellungsräume mit ihren thematischen Schwerpunkten. Bedrückend ist beispielsweise der Raum zur Geschichte des „Erbgesundheitsgerichts“, das über Zwangssterilisationen entschied. Es hatte in der Lindenstraße seinen Sitz. Aus Interviews an Hörstationen erfährt der Besucher vom Schicksal der Menschen, die nicht dem nationalsozialistischen Ideal entsprachen, weil es ihnen vermeintlich an Intelligenz mangelte, sie an Krankheiten litten oder in sozial prekären Verhältnissen lebten. Nicht wenige wurden auf der Grundlage des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (1933) Opfer von Zwangssterilisationen.

Politisch Verfolgte erlebten das Gefängnis hingegen von innen. Klaustrophobische Zustände sind angesichts der beengten Zellenverhältnisse leicht vorstellbar. Propagandamaterial zeigt, wie man sich mangelnder Systemtreue verdächtig machte. Hatte man vielleicht den polnischen Zwangsarbeiter zu gut behandelt, ihn gar am Familientisch mitessen lassen? Politisch widerständige Metallarbeiter liefen hingegen Gefahr, wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ vor dem Volksgerichtshof angeklagt zu werden. Und auch Juden, denen vorgeworfen wurde, sich „in der Öffentlichkeit als Jude ohne einen Judenstern gezeigt“ zu haben, wurden vom Amtsgericht zu Haftstrafen verurteilt und schließlich an die Gestapo überstellt.

In der Auswertungsrunde, die sich dem individuellen Entdeckungsgang durch den Gefängniskomplex anschloss, stand die Willkür des NS-Justizsystems im Vordergrund, der ganz unpolitische Menschen ebenso zum Opfer fallen konnten wie Menschen, die sich aktiv der nationalsozialistischen Diktatur widersetzten. Wir waren uns jedoch auch einig, dass man für das Schicksal der Menschen, die zu verschiedenen Zeiten im Gefängnis an der Lindenstraße der Gewaltherrschaft ausgesetzt waren, mehr als zwei Stunden Zeit mitbringen muss. Günstig, dass die Gedenkstätte samstags zu öffentlichen Führungen einlädt.

Einmal in Potsdam nutzten wir die Gelegenheit und besuchten auch noch das Einstein Forum am Neuen Markt. Zwar handelt es sich hier um eine Forschungseinrichtung, die bislang eher wenig mit Schulen zu tun hat, doch wussten wir von einer kleinen Ausstellung, die unter dem TitelGegen die Normalisierung des Faschismus Fotomontagen des Berliner Malers und Grafikers John Heartfield (eigentlich Helmut Herzfeld) aus den 1930er Jahren zeigte. Eine weitere Bereicherung des Ausflugsprogramms.

Dr. Brigitte Kassel
Fachbereich Geschichte&Politikwissenschaft