Politisches Archiv im Auswärtigen Amt (PAAA)

Gefährliche Expedition ins Auswärtige Amt

    Oder: Wie wir lernten, den Paternoster zu fürchten – aber nicht die Außenpolitik.

Nicht von der Politik gingen die eigentlichen Gefahren aus – jedenfalls nicht an diesem Tag.
Am 16. März wagte eine Gruppe Oberstufenschüler aus den Geschichts- und Politikkursen des 11. und 12. Jahrgangs eine Reise in die Tiefen des Auswärtigen Amts. Und zwar buchstäblich: Wir betraten das Gebäude nicht etwa über den repräsentativen Haupteingang am Werderschen Markt, sondern über den weniger bekannten Hintereingang in der Kurstraße – immerhin Sitz des Internationalen Clubs im Auswärtigen Amt, Treffpunkt der Wichtigen und Mächtigen.

    Wo wir eigentlich gelandet waren

Am Anfang stand eine Führung durch den Altbau des Auswärtigen Amts – ein Bau, der auf eine ziemlich wechselvolle Karriere zurückblickt. Das heute so nüchtern wirkende Haus wurde 1934–1940 als monumentaler Erweiterungsbau der Reichsbank errichtet. Es war Hitlers erster großer Staatsbau.
Drei gigantische Kassenhallen im Inneren, schwere Tresortüren und mehrere Untergeschosse voller Sicherheitstrakte zeugen bis heute davon, dass hier einst das Finanzherz des NS Staates schlug – oder zumindest das Herz, das seine Kriege finanzierte. Heute haben die Tresortüren eher dekorativen Charme – schwere Vergangenheit, vom Zweck erleichtert.

    Kleine Ausstellung, große Geschichte

Auf einer höheren Etage entdeckten wir eine Ausstellung zum Zwei plus Vier Vertrag, dem wohl wichtigsten Dokument der jüngeren deutschen Geschichte. Der Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik einerseits und Frankreich, Großbritannien, den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion andererseits machte 1990 den Weg zu deutschen Wiedervereinigung frei. Danach folgte das, was man von einem Archiv erwartet: lange Regalreihen, geheimnisvolle Kisten, Daten über Daten in Zahlen: 36.000 Verträge und Vereinbarungen, 155 Millionen Blätter, 27.000 Meter Akten und Verträge – vom 19. Jahrhundert bis gestern, und das alles ein bisschen muffig-staubig, für den Nutzer aber inzwischen auch digital.

    Zwischendurch: Highlights zum Staunen.

Bismarcks sog. Schönschreibverordnung, die die Bedeutung ordentlicher und leserlicher Aktenführung unterstreicht.
– Das Protokoll der Wannsee-Konferenz. Viel umfangreicher als gedacht – und ein schmerzhaft präziser Blick in das unmenschliche Herz der NS Bürokratie.
– Verträge aus der Gastarbeiteranwerbung von BRD und DDR aus den 1960er Jahren.
Koloniale Verträge wie die britische Ratifikationsurkunde zum Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien von 1899, in dem Großbritannien auf Samoa verzichtete – von Königin Victoria besiegelt.
– Und natürlich: das Papierfischlein, ein wehrhaftes Archivwesenwesen, dem noch keine Hungersnot droht – aber gelegentlich eine Falle.

    Der Moment, an dem die Vernunft das Gebäude verließ

Nachdem wir genug Geschichte eingeatmet hatten, wandten wir uns dem zu, was wirklich Mut erfordert: dem Paternoster.
Für Uneingeweihte: Es handelt sich um einen Aufzug ohne Türen, der in einer Endlosschleife fährt. Also eigentlich ein Karussell für große Kinder.
Eine nach dem anderen hüpfte die Gruppe hinein, immer zwei in einem „Fahrkorb“, schwebte elegant in die sechste Etage, fand eine verlassene Kantine – aber immerhin eine offene Tür zur Dachterrasse. Berlin posierte geduldig für unsere Kameras. Das Gruppenfoto? Vergessen. Der Paternoster rief ja wieder.

    Ein Seil hing lose vor einem abgesperrten Fahrkorb. War das schon vorher da? Egal. Weiter ging es nach oben – oder unten? – bis zur „Kehrtwende“, also der Stelle, an der sich die Fahrkörbe ganz ohne Rücksicht auf Schwerkraft umdrehen. Für alle, die es nie gesehen haben: Nein, man steht nicht Kopf. Meistens.
    Die Paternoster-Apokalypse

Dann: ein Ruck. Stillstand. Genau in der Kehrtwende.
Die meisten konnten sich mit einem beherzten Schritt Richtung Treppenhaus retten. Weniger Glück hatten die Referentin, die Lehrerin – und ein besonders abenteuerlustiger Schüler, der unbedingt noch „eine zweite Runde im Keller“ drehen wollte.

    Zwanzig Minuten geschah nichts.
    Zwanzig Minuten, in denen wir kollektiv unsere Lebensentscheidungen überdachten.
    Dann: ein weiterer Ruck, der Paternoster setzte sich wieder in Bewegung.
    Unten angekommen: großes Hallo, erleichtertes Lachen und der ernst gemeinte Schwur:

    Beim nächsten Mal wissen wir, dass der Paternoster um 17 Uhr Feierabend macht.

    Und die Moral von der Geschicht’?
    Wer große Geschichte studiert,
    sollte kleine Schilder lesen.

Und warum Paternoster? „Fahrkörbe“ sind wie an einer Schnur gereiht. Daraus ergibt sich eine Analogie zum Rosenkranz, einer Gebetskette, bei der nach zehn kleinen Perlen für je ein Ave Maria eine größere folgt, für die das Vaterunser (lat. Paternoster) gebetet wird.


Dr. Brigitte Kassel
FB Geschichte – Politikwissenschaften