Schülerlabor Geisteswissenschaften

„Auf eigene Art einem Beispiel folgen, das ist Tradition.“

    Vergangenen Montag – 22. Juni – hatten wir die Ehre, am Schülerlabor Geisteswissenschaften teilnehmen zu dürfen. Das Schülerlabor wurde vor knapp zwanzig Jahren an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gegründet und bietet seitdem regelmäßig Workshops an, in denen Schülerinnen und Schüler der Oberstufe sich die Welt der Geisteswissenschaften praktisch erschließen können. Das Schülerlabor widmete sich unter dem Schlagwort Democracy First der Demokriatie im transatlantischen Verhältnis.

    Thomas Mann und die Demokratie

    Anhand der in der Überschrift zitierten Aussage von Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann (1875–1955) befassten wir uns gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern eines Deutsch-LKs der Moser-Schule mit Thomas Manns Haltung zur Demokratie in Deutschland. Im Zentrum standen Thomas Manns Reden aus dem amerikanischen Exil an die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs.
    Das Zitat entstammt einem Essay von Thomas Mann über „Goethe und die Demokratie“ (1922). Demnach bewahrt man die Demokratie nicht durch starres Festhalten an alten Formen, sondern durch eigenständige Gestaltung. Thomas Mann sah die Demokratie also nicht als Bruch mit der Tradition. Wie Goethe zeitgemäß interpretiert werden muss, so veränderte sich auch die Demokratie. Manns Biographie spiegelt diese politische Haltung.

    Thomas Mann wurde 1875 in Lübeck in eine wohlhabende bürgerliche Kaufmannsfamilie geboren und verbrachte den größten Teil seines Lebens in Deutschland, bis er 1933 erst in die Schweiz und 1938 in die Vereinigten Staaten emigrierte. Ausschlaggebend war die Verfolgung durch das NS-Regime in Deutschland.
    In den USA hörte seine Arbeit als Schriftsteller nicht auf. Er schrieb zwischen 1940 und 1945 mehr als 55 Radioansprachen für die BBC, in denen er die Lage im Zweiten Weltkrieg kommentierte und die Deutschen vor dem Nazi-Regime warnte.
    Welche Aussagen traf Thomas Mann während des Zweiten Weltkriegs aus dem Exil über Deutschland und die Demokratie? Sind seine Gedanken und Aussagen heute noch relevant und anwendbar? Genau diese Fragen sollten im Workshop mithilfe einer gemeinsamen Quellenarbeit beantwortet werden.

    Manns Reden an die Deutschen

    Wir hörten zunächst einen Auszug aus einer Radioansprache von April 1942. Manns Heimatstadt Lübeck war gerade von den Alliierten bombardiert worden und die Zerstörung der Marienkirche war wahrscheinlich. Wenig emotional formulierte Mann: „Ich habe dagegen nichts einzuwenden.“ Bombardierung und Zerstörung erschienen als nachvollziehbare Antwort auf den Luftangriff von „Hitlerland“ auf das englische Coventry im November 1940.
    In seinen Radioansprachen machte es sich Thomas Mann zur Aufgabe, der Propaganda und den Lügen des NS-Regimes etwas entgegenzusetzen. Durch die Radiotechnologie war das deutlich einfacher.

    Demokratie heute

    In gemischten Gruppen beschäftigten wir uns mit weiteren Zitaten und Aussagen von Thomas Mann sowie jüngeren Autoren wie dem slowenischen Philosophen Slavoj Żiżek und dem amerikanischen Historiker Timothy Snyder. Wir suchten nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen damals und heute. Die Arbeit mit den Quellen stellte sich als äußerst interessant, aber auch anspruchsvoll und herausfordernd dar. Während Mann die Demokratie als ein Ergebnis von Bildung und Kultur betrachtete und selbst eine innere Wandlung vollzog, legen die neuen Autoren einen Schwerpunkt auf die Lehren des 20. Jahrhunderts. Timothy Snyder betont, dass die demokratischen Institutionen verteidigt werden müssen, also z.B. die Gesetze, die Gerichte, die Medien. Slavoj Żiżek hingegen sagt, „Radikalisiert euch“ (2026), und plädiert für ein starkes, demokratisch erneuertes, unabhängiges Europa.

    Nachdenken über Demokratie in einem anderen Format

    In einem zweiten Teil wurde uns die Arbeit des Kuratierens vorgestellt. Dabei geht es um die sorgfältige Auswahl, inhaltliche Aufbereitung und Präsentation von Objekten in einer Ausstellung. Unsere Aufgabe war es, selbst zu kuratieren. Wir nutzten mitgebrachte Objekte, die wir mit Demokratie, besonders im transatlantischen Kontext, assoziieren. Wir mussten auswählen, Zusammenhänge herstellen und die Objekte so anordnen, wie wir es für sinnvoll hielten. Ein Ausstellungstitel und eine Beschreibung durften dabei natürlich nicht fehlen.

Fazit

Ich persönlich fand den Workshop und die Inhalte sehr interessant. Komplexe Informationen sind schnell greifbar geworden. Ein kleiner Kritikpunkt gilt dem Zeitplan. Informationsphasen zogen sich teilweise etwas in die Länge und gingen über das für die Arbeit notwendige Wissen hinaus. Das ging zu Lasten der Auswertung unserer Ergebnisse im Plenum, für die ich mir mehr Zeit gewünscht hätte. Insgesamt war der Workshop aber sehr lehrreich, wir alle konnten wertvolle Erkenntnisse mitnehmen.


    Olivia Friedrich (Q2)