"Gen Z blickt hinter den Stacheldraht"

Auschwitz und wir – Gen Z blickt hinter den Stacheldraht

So lautet der Titel einer von Schülern entwickelten Ausstellung, die derzeit im GvB zu besichtigen ist. Sie bildet eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Frage lautet, was Auschwitz für die junge Generation bedeutet.

Auschwitz ist zum Symbol geworden für Trauer, Unmenschlichkeit, Verlust, gibt Zeugnis und mahnt zur Erinnerung. Der Ort ist geografisch weit entfernt, aber gleichzeitig nah, weil er zeigt, wohin es führen kann, wenn Menschen nicht mehr als Menschen gesehen werden.

Weg durch die Ausstellung

Wir haben die Geschichte in der Ausstellung rückwärts erschlossen. Fünf Säulen konfrontieren uns mit Fragen, die Kontroversen auslösen. Tragen Deutsche für immer eine historische Schuld? Sollen deutsche Jugendliche verpflichtet werden, vor dem Schulabschluss eine NS-Gedenkstätte zu besuchen? Trägt die Gen Z eine moralische Verpflichtung, sich mit den Nazi-Verbrechen auseinanderzusetzen? Verharmlost Dark Tourism (auch: Katastrophentourismus) an Orten wie Auschwitz das Leid der Opfer? Ist Kritik an Israel im Nahostkonflikt antisemitisch?

Juden in Bad Nauheim

Wir tauchen in die Geschichte ein und begegnen Heinz Eckstein, einem „Bad Nauheimer Bub“. Er steht stellvertretend für die jüdische Bevölkerung der hessischen Kleinstadt und lädt jugendliche Betrachter zur Identifikation ein, wenn es z.B. auf einer Leinwand heißt: „Juden unerwünscht“. Die Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden wird als stufenweiser Prozess von der Ausgrenzung bis hin zu „Auschwitz“ erzählt.

Opfergruppen im KZ

Ein zentrales Element der Ausstellung ist ein Tisch, auf dem dargestellt wird, dass Juden zwar die größte Opfergruppe des Massenmords darstellten, jedoch nicht die alleinigen Opfer waren. Mit farbigen Winkeln markierten die Nationalsozialisten Juden, politische Häftlinge, Homosexuelle, Sinti und Roma, „Asoziale“ und andere Gruppen. Auf dem Tisch geben kleine Figuren, differenziert in Erwachsene und Kinder, einen Hinweis auf die Dimensionen der Opferzahlen. Die Ausstellung porträtiert aber auch Individuen und konkretisiert damit den Massenmord. Andererseits wird gezeigt, dass diese Individuen nicht nur Opfer, sondern auch widerständig waren.

Haftbedingungen werden verbildlicht durch schlichten Pappkarton, der die Dimension einer „Stehzelle“ mit weniger als 1 m² für vier Häftlinge visualisiert. In Vitrinen werden Gegenstände gezeigt, die an die Opfer im Lager erinnern. Auf Stellwänden wird die Ausbeutung der Häftlinge thematisiert.

Befreiung

Im Januar 1945 rückte die Rote Armee heran. Die Nazis lösten das Lager auf, um ihre Verbrechen zu verschleiern, und trieben die Häftlinge auf Todesmärschen gen Westen. Die Tore waren offen, als am  27. Januar 1945 die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreite. Seit 1995 gilt der 27. Januar als internationaler Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz.

Geschichte und Erinnerung

Der 80. Jahrestag der Befreiung im Jahr 2025 war für eine Gruppe von Schülern der Ernst-Ludwig-Schule in Bad Nauheim Anlass, die Ausstellung zu erarbeiten. Aus Berliner Sicht können wir uns fragen, was eigentlich den Unterschied ausmacht zwischen einer hessischen Kleinstadt und der Millionenstadt Berlin – den Unterschied für die Verfolgten des NS-Regimes sowie den Unterschied bei der Aufarbeitung der Verbrechen. Verfolgung, Denunziation, Gewalt und Deportation geschahen überall. War man in einer lokalen Gemeinschaft, in der man sich kannte, sicherer als in der Anonymität der Millionenstadt? Oder war es eher umgekehrt? Die Auseinandersetzung mit dem Verbrechen kann auch zu der schmerzhaften Erkenntnis führen, dass es eben nicht „die anderen“ waren, die denunziert, weggeschaut oder geschwiegen haben. Es waren ganz normale Menschen, nämlich „wir“. In der Großstadt mag es leichter gefallen sein, sich zu distanzieren.

Jede Generation muss sich „Auschwitz“ neu annähern. Die Generation Z ist die erste, die keinen direkten Zugang zu Zeitzeugen hat, die Auschwitz erlebt und überlebt haben. Sie hat aber Zugang zu umfassender Information, weiß, wie präsent Hass im Netz ist, wie schnell Falschinformationen verbreitet werden, wie leicht Menschen ausgegrenzt werden können. Die Beschäftigung mit „Auschwitz“ führt uns auf uns selbst zurück: Wie handeln wir, wenn Menschen bedrängt und bedroht werden, wann beginnen wir zu widersprechen?

Die von Bad Nauheimer Jugendlichen mit großem Engagement entwickelte Ausstellung zeigt beispielhaft, dass Generation Z nicht wegschaut, verdrängt und vergisst, sondern dass gefragt, geforscht, diskutiert und Geschichte wachgehalten wird.

Wir danken der Ernst-Ludwig-Schule für die leihweise Überlassung der Ausstellung, die in vielerlei Hinsicht Anlass gibt für anregende Unterrichtsgespräche.

Dr. Brigitte Kassel
FB Geschichte und Politik